Beugungsscheibchen eines Sterns mit konzentrischen Ringen im Teleskop

Strehlzahl: Was sie über die Qualität deiner Teleskop-Optik verrät

"Strehl 0,95" steht auf dem Prüfprotokoll, und das klingt erstmal nach Marketing. Tatsächlich ist die Strehlzahl aber die wichtigste Einzelzahl, die die optische Qualität eines Teleskops beschreibt. Sie sagt aus, wie nah dein Teleskop an der theoretisch perfekten Abbildung liegt.

Ich habe Teleskope mit Strehl 0,78 und mit Strehl 0,96 benutzt und kann den Unterschied an Planeten klar benennen. In diesem Ratgeber erkläre ich dir, was die Strehlzahl genau misst, ab welchem Wert eine Optik als gut gilt und wann der Aufpreis für Premium-Optik tatsächlich lohnt.

Auf einen Blick

  • Die Strehlzahl ist eine Maßzahl von 0 bis 1, die beschreibt, wie viel Licht eine Optik im zentralen Beugungsscheibchen konzentriert.
  • Ab Strehl 0,80 gilt eine Optik als optisch beugungsbegrenzt (Maréchal-Kriterium).
  • Höherer Strehl bedeutet schärfere Abbildung, aber der Gewinn wird ab 0,90 zunehmend theoretisch, weil das Seeing limitiert.

Was ist die Strehlzahl?

Die Strehlzahl (benannt nach dem deutschen Physiker Karl Strehl) ist das Verhältnis der maximalen Lichtintensität im Beugungsscheibchen einer realen Optik zur Intensität einer theoretisch perfekten Optik. Ein Wert von 1,00 wäre eine fehlerfreie Optik, die das gesamte Licht ideal konzentriert. In der Realität erreicht kein Teleskop diesen Wert, aber gute Optiken kommen nahe heran.

Der Zusammenhang mit dem Wellenfrontfehler ist direkt: Je geringer die Abweichung der Wellenfront von der Idealform, desto höher der Strehl. Ein Wellenfrontfehler von Lambda/4 (ein Viertel der Lichtwellenlänge, gemessen als Peak-to-Valley) entspricht grob einem Strehl von 0,80. Ein Fehler von Lambda/10 PV entspricht etwa einem Strehl von 0,95. Noch genauer ist der RMS-Wert (Root Mean Square), der die durchschnittliche Abweichung beschreibt.

In der Praxis misst man den Strehl mit einem Interferometer, einem optischen Messgerät, das die Wellenfront direkt abbildet. Renommierte Optiktester wie Zygo oder selbstgebaute Bath-Interferometer liefern eine Wellenfrontkarte, aus der der Strehl berechnet wird. Das Ergebnis ist eine einzige Zahl, die die Gesamtqualität der Optik zusammenfasst.

Was ist ein guter Strehlwert?

Die Bewertung eines Strehlwerts hängt davon ab, was du mit dem Teleskop machen willst. Die folgende Tabelle gibt eine praxisorientierte Einordnung der Werte.

Strehlwert-Bewertung und visuelle Auswirkung
Strehl-Bereich Bewertung RMS-Wellenfrontfehler Visueller Eindruck
unter 0,80 Unter Maréchal-Kriterium über Lambda/14 RMS Sichtbar weichere Abbildung, weniger Kontrast
0,80 bis 0,85 Gut (beugungsbegrenzt) Lambda/14 bis Lambda/17 RMS Saubere Beugungsringe, guter Kontrast
0,85 bis 0,92 Sehr gut Lambda/17 bis Lambda/25 RMS Knackige Details an Planeten, enge Doppelsterne
über 0,92 Exzellent unter Lambda/25 RMS Maximaler Kontrast, feinste Strukturen sichtbar

Das Maréchal-Kriterium bei Strehl 0,80 ist die allgemein anerkannte Schwelle für "beugungsbegrenzt". Unterhalb dieses Werts ist die Optikqualität der limitierende Faktor für die Abbildung. Oberhalb bestimmen zunehmend äußere Faktoren wie Seeing, Tubusthermik und Okulare die Bildqualität.

Strehl in der Praxis

Wann siehst du den Unterschied zwischen verschiedenen Strehlwerten tatsächlich? Die ehrliche Antwort lautet: Bei der Planetenbeobachtung ja, bei Deep Sky kaum. An Jupiter und Saturn bei hoher Vergrößerung zeigt eine Optik mit Strehl 0,92 feinere Wolkenstrukturen und schärfere Kanten als eine mit 0,80. Der Unterschied ist subtil, aber bei ruhigem Seeing erkennbar.

Das Seeing ist der große Gleichmacher. An einem typischen deutschen Beobachtungsabend liegt das Seeing bei 2 bis 4 Bogensekunden. Selbst ein perfektes Teleskop kann unter diesen Bedingungen keine Details auflösen, die feiner als das Seeing sind. Ein Teleskop mit Strehl 0,95 nutzt deshalb an den meisten Abenden sein volles Potenzial gar nicht aus. Erst an den seltenen Abenden mit Seeing unter 1 Bogensekunde zeigt Premium-Optik, was sie kann.

Für die Deep-Sky-Beobachtung und Weitfeld-Astrofotografie spielt der Strehl eine untergeordnete Rolle. Nebel und Galaxien werden bei niedriger Vergrößerung beobachtet, und die Flächenhelligkeit ist der begrenzende Faktor. Ob dein Teleskop Strehl 0,82 oder 0,95 hat, wirst du bei M42 oder den Plejaden nicht bemerken.

Wie wird der Strehlwert gemessen?

Es gibt mehrere Methoden zur Bestimmung der optischen Qualität, die sich in Genauigkeit und Aufwand erheblich voneinander unterscheiden.

  1. Interferometrie (Zygo, Bath): Die genaueste Methode. Ein Interferometer erzeugt ein Interferenzmuster, aus dem sich die Wellenfront mathematisch rekonstruieren lässt. Zygo-Messgeräte kosten fünfstellige Beträge, Bath-Interferometer lassen sich als Selbstbau für unter 200 Euro realisieren.
  2. Sterntest (qualitativ): Du fokussierst einen hellen Stern und beobachtest die Beugungsringe intra- und extrafokal. Symmetrische, gleichmäßige Ringe deuten auf guten Strehl hin. Eine Zahl liefert der Sterntest nicht, aber er zeigt Astigmatismus, Koma und Zonenfehler zuverlässig an.
  3. Ronchi-Test: Ein Ronchi-Gitter am Fokus erzeugt Streifenmuster, deren Verbiegung Fehler der Optik sichtbar macht. Einfach durchzuführen und gut für die Qualitätskontrolle, aber ebenfalls nur qualitativ.
  4. Foucault-Test: Klassische Methode für die Prüfung von Parabolspiegeln. Eine Messerschneide am Krümmungsmittelpunkt macht Zonenfehler sichtbar. Quantitative Auswertung ist möglich, aber aufwändig.

Ein wichtiger Punkt: Herstellerangaben zum Strehl sind mit Vorsicht zu genießen. Manche Hersteller messen unter idealen Bedingungen oder geben den Strehl des Hauptspiegels allein an, nicht des Gesamtsystems. Unabhängige Prüfprotokolle von anerkannten Optiktestern sind deutlich aussagekräftiger.

Strehl bei verschiedenen Teleskop-Typen

Verschiedene Teleskoptypen erreichen typischerweise unterschiedliche Strehlwerte ab Werk. Das liegt an der Komplexität der Fertigung, der Justierempfindlichkeit und der Obstruktion. Wer noch kein Teleskop hat, findet in der Refraktor-Kaufberatung und der Newton-Kaufberatung konkrete Modelle mit Angaben zur Optikqualität und typischem Strehl.

Typischer Strehl nach Teleskop-Typ
Typ Typischer Strehl ab Werk Einflussfaktoren Optimierungspotenzial
Refraktor (Achromat) 0,90-0,98 Glasqualität, Politur Gering (ab Werk gut)
Refraktor (APO) 0,95-0,99 Glasqualität, Vergütung Kaum nötig
Newton 0,78-0,90 Spiegelpolitur, Kollimation Hoch (Kollimation!)
Schmidt-Cassegrain 0,75-0,85 Obstruktion, Schmidtplatte Mittel (Kollimation)
Maksutov 0,85-0,95 Meniskuslinse, Politur Gering

Refraktoren haben den Vorteil, dass sie keine Obstruktion durch einen Fangspiegel haben. Obstruktion reduziert den effektiven Strehl, weil Licht im zentralen Beugungsscheibchen in die Beugungsringe umverteilt wird. Ein Newton mit 30% Obstruktion verliert dadurch merklich an Kontrast, auch wenn der Spiegel selbst einen exzellenten Strehl hat.

Bei Newton-Teleskopen ist die Kollimation der entscheidende Faktor. Ein perfekter Hauptspiegel nutzt nichts, wenn Haupt- und Fangspiegel nicht korrekt zueinander ausgerichtet sind. Regelmäßige Kollimation kann den Systemstrehl um 0,05 bis 0,10 verbessern und kostet nur wenige Minuten mit einem Laserkollimator oder Cheshire-Okular.

Häufige Fragen

Die wichtigsten Aspekte im Überblick.

Ist ein höherer Strehlwert immer besser?

Theoretisch ja, aber praktisch gibt es eine Grenze, ab der Verbesserungen nicht mehr sichtbar werden. Bei Strehl 0,95 und höher ist die Optik so gut, dass atmosphärisches Seeing der limitierende Faktor wird. An den meisten Beobachtungsabenden begrenzt das Seeing die Bildqualität stärker als der Unterschied zwischen Strehl 0,90 und 0,98.

Was bedeutet beugungsbegrenzt?

Beugungsbegrenzt bedeutet, dass die Optik so gut ist, dass nicht die Fertigungsqualität das Bild begrenzt, sondern nur noch die physikalische Beugung des Lichts an der Öffnung. Das Maréchal-Kriterium definiert diese Schwelle bei einem Strehlwert von 0,80. Ab diesem Wert ist die Abbildung für die meisten Zwecke nicht mehr durch Fertigungsfehler begrenzt.

Kann ich den Strehlwert meines Teleskops selbst messen?

Eine exakte Messung erfordert ein Interferometer, das Tausende Euro kostet. Was du selbst tun kannst, ist ein qualitativer Sterntest: Fokussiere einen hellen Stern und beobachte das Beugungsmuster. Symmetrische Ringe deuten auf guten Strehl hin, asymmetrische auf Fehler. Eine genaue Zahl liefert nur die Interferometrie.

Lohnt sich der Aufpreis für Strehl 0,95 statt 0,85?

Das hängt von deinem Einsatzzweck ab. Bei kleinen Refraktoren bis 100 mm, die du für Planeten nutzt, macht der Unterschied an ruhigen Abenden sichtbar bessere Bilder. Bei großen Newtons ab 200 mm dominiert das Seeing fast immer, und der Aufpreis für Premium-Optik bringt selten sichtbaren Gewinn.

Warum hat mein Newton nur Strehl 0,80?

Newton-Teleskope erreichen ab Werk oft "nur" 0,80 bis 0,85 Strehl, weil die Justierung (Kollimation) nicht perfekt ist. Der Hauptspiegel selbst hat oft einen höheren Strehl, aber die Gesamtoptik inklusive Fangspiegel-Justierung senkt den Systemstrehl. Regelmäßige Kollimation kann den Strehl um 0,05 bis 0,10 Punkte verbessern.