Die ISS als heller Strichspur über dem nächtlichen Ulmer Münster

ISS beobachten: Die Internationale Raumstation am Nachthimmel finden

Das erste Mal bewusst die ISS zu sehen ist ein Moment, den du nicht vergisst. Ein heller, gleichmäßig leuchtender Punkt zieht lautlos in wenigen Minuten über den ganzen Himmel - und irgendwo da oben, in 400 Kilometern Höhe, sitzen gerade Menschen. Dieses Gefühl ist schwer zu beschreiben, und ich verstehe jeden, der danach sofort anfängt, regelmäßig nach Überflügen zu schauen.

Ich beobachte die ISS seit Jahren von Ulm aus - manchmal nur kurz mit bloßem Auge, manchmal mit dem Teleskop, wenn die Geometrie stimmt und ich bereit bin, die Station schnell nachzuführen. In diesem Ratgeber erkläre ich dir, wann und wie du die ISS findest, welche Apps zuverlässig sind, was du mit dem Teleskop erwarten kannst und wie du die ersten eigenen ISS-Fotos machst. Du brauchst dafür kein teures Gerät - das bloße Auge reicht vollkommen aus.

Auf einen Blick

  • Die ISS ist mit bloßem Auge sichtbar und erreicht eine Helligkeit von bis zu -4 Magnituden - heller als jeder Stern am Himmel.
  • Überflüge lassen sich tagesaktuell mit Heavens-Above oder der ISS Detector App auf die Minute genau vorhersagen.
  • Du erkennst die ISS daran, dass sie nicht blinkt - Flugzeuge blinken, die ISS leuchtet gleichmäßig.

Was ist die ISS?

Die Internationale Raumstation ist das größte von Menschen gebaute Objekt, das jemals in einer Erdumlaufbahn war. Mit einer Spannweite von etwa 109 Metern ist sie so breit wie ein Fußballfeld - das klingt zunächst abstrakt, wird aber relevant, wenn du siehst, was ein gutes Teleskop an Details zeigen kann. Die Solarmodule auf beiden Seiten sind beim Überflug der dominierende Faktor für die Helligkeit.

Die ISS kreist in einer Höhe von rund 400 Kilometern um die Erde - nicht weit entfernt für astronomische Verhältnisse, aber weit genug, um von Deutschland aus fast täglich sichtbar zu sein. Eine Umlaufbahn dauert etwa 90 Minuten, was bedeutet, dass die Station ungefähr 16 Mal am Tag die Erde umrundet.

Besetzt ist die ISS ohne Unterbrechung seit November 2000, also seit mehr als zwei Jahrzehnten. In dieser Zeit haben über 270 Menschen aus 20 Ländern an Bord gelebt und gearbeitet.

Die Geschwindigkeit von etwa 28.000 km/h klingt gewaltig, und am Himmel merkst du das auch: Ein typischer Überflug dauert nur zwei bis fünf Minuten. Wer zu spät aufschaut oder den falschen Bereich des Himmels beobachtet, hat den Überflug verpasst - Vorbereitung ist deshalb entscheidend.

Wann und wo die ISS sichtbar ist

Die ISS leuchtet nicht selbst. Was du siehst, ist Sonnenlicht, das von den großen Solarmodulen der Station reflektiert wird. Das hat eine wichtige Konsequenz: Die ISS ist nur in der Dämmerung oder kurz nach Einbruch der Dunkelheit sichtbar - wenn du selbst schon im Schatten der Erde bist, die ISS in ihrer Höhe aber noch von der Sonne angestrahlt wird.

In der tiefen Nacht, wenn auch die ISS im Erdschatten liegt, verschwindet sie schlicht - auch wenn sie direkt über dir fliegt.

Die besten Beobachtungsphasen liegen in der frühen Nacht nach Sonnenuntergang und kurz vor Sonnenaufgang am Morgen. Dazwischen gibt es in den meisten Sommernächten in Deutschland kaum astronomische Dunkelheit, was bedeutet, dass die ISS teils die ganze Nacht hindurch sichtbar sein kann. Im Winter sind die Überflüge seltener, weil der Sonnenstand die Geometrie ungünstiger macht - aber wenn ein Überflugsplan für deinen Standort einen Überflug anzeigt, ist die ISS mit fast hundertprozentiger Zuverlässigkeit zu sehen, sofern der Himmel klar ist.

Die Helligkeit der ISS schwankt stark, je nach Überflugshöhe und dem Winkel der Solarmodule zur Sonne. Bei günstigen Überflügen erreicht sie -3 bis -4 Magnituden - das ist heller als die Venus und heller als jeder Stern. Die ISS ist dann eines der auffälligsten Objekte am Nachthimmel, auch unter städtischen Bedingungen in Ulm oder sonst wo.

ISS-Überflüge vorhersagen

Für die Vorausberechnung von ISS-Überflügen gibt es mehrere zuverlässige Quellen. Ich nutze hauptsächlich zwei davon.

Heavens-Above.com ist die klassische Webseite für alles rund um Satelliten und Raumstationsüberflüge. Du gibst deinen Standort ein - entweder per Koordinaten oder per Ortsnamen - und erhältst eine Liste der kommenden ISS-Überflüge für die nächsten Tage. Die Tabelle zeigt dir Datum, Uhrzeit, Startposition, maximale Höhe und Endposition.

Besonders nützlich ist die Himmelskartenansicht für jeden einzelnen Überflug: Du siehst genau, wo die ISS aufgeht, welchen Bogen sie zieht und wo sie wieder untergeht oder in den Erdschatten eintritt. Heavens-Above ist meine erste Anlaufstelle für genaue Daten.

Die ISS Detector App gibt es für Android und iOS und macht das Ganze noch einfacher. Sie ermittelt deinen Standort automatisch, schickt dir Push-Benachrichtigungen wenige Minuten vor jedem sichtbaren Überflug und zeigt in Echtzeit eine Kompassnadel, in welche Richtung du schauen musst. Wer nicht jedes Mal aktiv nachschauen will, richtet sich einmal die Benachrichtigungen ein und vergisst nichts mehr.

Spot the Station von der NASA funktioniert ähnlich - du meldest dich mit E-Mail-Adresse und Standort an und bekommst automatische Überflug-Benachrichtigungen per Mail. Stellarium enthält ebenfalls Satellitendaten und kann dir die ISS-Spur direkt in der interaktiven Himmelskarte anzeigen, was für die Orientierung vorab sehr hilfreich ist. Wie gut die atmosphärischen Bedingungen an einem bestimmten Abend sind, beeinflusst dabei nicht die Sichtbarkeit der ISS selbst - sie ist hell genug, um auch bei leichtem Dunst noch gut erkennbar zu sein.

ISS erkennen am Himmel

Das wichtigste Erkennungsmerkmal der ISS ist, dass sie nicht blinkt. Flugzeuge haben rote und grüne Positionslichter und ein weißes Blitzlicht - dieses Blinken siehst du auch bei Flugzeugen in großer Höhe. Die ISS dagegen leuchtet gleichmäßig und konstant, als ob jemand einen sehr hellen Stern über den Himmel rollen würde. Das fällt sofort auf, sobald du einmal weißt, worauf du achten solltest.

Die Bewegungsgeschwindigkeit ist ein weiteres Merkmal. Die scheinbare Geschwindigkeit der ISS am Himmel ist dabei vergleichbar mit der eines Flugzeugs auf Reiseflughöhe – die viel größere Entfernung gleicht den Unterschied in der Bahngeschwindigkeit weitgehend aus. Ein Flugzeug in 10 Kilometern Höhe und die ISS in 400 Kilometern Höhe brauchen ähnlich lange – jeweils im Bereich weniger Minuten –, um ihren Winkelbereich am Himmel zu überqueren. Wer beide gleichzeitig am Himmel sieht, erkennt den Unterschied sofort.

Die typische Flugrichtung ist von Westen oder Südwesten nach Osten oder Nordosten - entsprechend der Umlaufbahn der ISS, die in einem Winkel von etwa 51,6 Grad zur Äquatorebene liegt. Es gibt aber auch Überflüge aus anderen Richtungen, je nachdem, wo du dich auf der Erde befindest und welcher Orbit gerade ansteht.

Die App oder Heavens-Above zeigen dir die genaue Richtung für jeden Überflug. Ein typischer Überflug endet entweder am gegenüberliegenden Horizont oder die ISS tritt plötzlich in den Erdschatten und erlischt innerhalb von Sekunden - das ist ein fesselnder Moment, den du nicht vergisst.

Wer die Lichtverschmutzung an seinem Standort einschätzen will, findet in diesem Ratgeber zur Lichtverschmutzung eine gute Grundlage - für die ISS spielt sie zwar kaum eine Rolle, aber für alles, was danach kommen soll, schon.

ISS mit dem Teleskop beobachten

Die ISS mit dem Teleskop zu beobachten ist eine der anspruchsvollsten Disziplinen für Hobbyastronomen - und eine der befriedigendsten, wenn es klappt. Das Problem ist die Geschwindigkeit: Die ISS bewegt sich am Himmel so schnell, dass eine herkömmliche Planetennachführung damit nicht mithalten kann. Du musst die Station mit der Hand nachführen, während du durchs Okular schaust. Das braucht Übung, funktioniert aber mit etwas Training zuverlässig.

Die richtige Vergrößerung ist entscheidend. Zu viel Vergrößerung macht das Sichtfeld klein und die Nachführung fast unmöglich. Ich empfehle für erste Versuche eine Vergrößerung zwischen 50 und 100-fach - damit hast du noch ein handhabbar großes Sichtfeld und siehst bereits Details.

Bei flachen Überflügen nahe am Horizont ist die Nachführung leichter, weil die ISS sich scheinbar langsamer bewegt als bei hohen Überflügen nahe am Zenit – dort erreicht die ISS wegen der geringeren Distanz zum Beobachter ihre höchste scheinbare Winkelgeschwindigkeit. Starte mit den flachen Überflügen, bis du ein Gefühl entwickelt hast.

Was du sehen kannst: die charakteristische Hantelform aus zwei Solarmodul-Flügeln mit dem Stationsmodul in der Mitte. Unter guten Bedingungen und mit ausreichend Öffnung sind auch einzelne Module und die grobe Struktur des zentralen Trusses erkennbar. Das ist kein fotorealistisches Bild wie von der NASA - aber es ist unverkennbar die ISS, kein anonymer Punkt mehr am Himmel.

ISS fotografieren

Für die Fotografie der ISS gibt es zwei grundlegend verschiedene Ansätze, die unterschiedliche Ziele haben und unterschiedlichen Aufwand erfordern.

Der einfachste Ansatz ist die Strichspur-Aufnahme. Du stellst deine Kamera auf ein Stativ, öffnest den Verschluss für 20 bis 60 Sekunden und wartest, bis die ISS durchs Bild fliegt. Das Ergebnis ist ein heller Strich über dem Himmel, oft mit einem leichten Bogen entsprechend dem Weg der ISS.

Das gelingt auch ohne Nachführmontierung und ohne besondere Vorkenntnisse. Ein Weitwinkelobjektiv um 24 mm und ISO 400 bis 800 sind ein guter Ausgangspunkt - mehr brauchst du für ein erstes gelungenes Foto nicht.

Wer die Struktur der ISS festhalten will, braucht mehr: eine lange Brennweite von mindestens 500 mm, idealerweise ein Spiegelteleskop mit 1000 mm oder mehr, eine schnelle Kamera und die Methode des Lucky Imagings. Dabei werden viele kurze Einzelbilder hintereinander aufgenommen, aus denen die schärfsten per Software ausgewählt und gestapelt werden.

Das ist derselbe Ansatz wie bei der Planetenfotografie mit Lucky Imaging, nur dass die ISS noch weniger Zeit lässt und die Nachführung per Hand erfolgen muss. Das Ergebnis kann beeindruckend sein, aber rechne mit vielen Fehlversuchen bevor das erste scharfe ISS-Foto gelingt.

Eine Spezialaufnahme, die viel Aufmerksamkeit bekommt: der ISS-Transit vor Sonne oder Mond. Dabei fliegt die ISS in der direkten Verbindungslinie zwischen dir und der Sonne oder dem Mond durch - du siehst die Silhouette der Station für einen Bruchteil einer Sekunde vor der Sonnenscheibe oder dem Mondrand.

Die Website Transit-Finder.com berechnet genau, wo du stehen musst, damit der Transit von deinem Standort aus sichtbar ist. Die Fenster sind extrem schmal - oft weniger als ein Kilometer breit - und die ISS ist nur für etwa eine halbe Sekunde vor der Sonne zu sehen.

Andere Satelliten beobachten

Die ISS ist nicht das einzige Objekt am Himmel, das sich mit bloßem Auge beobachten lässt. Satelliten gibt es tausende, aber die meisten sind zu lichtschwach für das Auge. Einige Ausnahmen sind interessant genug, um sie hier zu erwähnen.

Starlink-Satelliten sind seit einigen Jahren ein häufiges Gesprächsthema in der Astronomie-Community. Kurz nach dem Start eines neuen Batchs fliegen 50 bis 60 Satelliten in enger Formation hintereinander - das sieht aus wie eine Perlenkette am Himmel, die sich langsam bewegt. Diese Ketten können auch unvorbereitete Beobachter überraschen, die nicht wissen, was sie sehen.

Nach einigen Wochen verteilen sich die Satelliten auf ihre regulären Orbits. Für die Astrofotografie problematisch sind die Ketten, weil sie Langzeitbelichtungen mit parallelen Strichspuren durchkreuzen. Überflüge lassen sich über Heavens-Above oder spezialisierte Starlink-Tracking-Apps vorhersagen.

Die chinesische Raumstation Tiangong ist die zweite dauerhaft bemannte Raumstation im Orbit. Sie ist kleiner als die ISS, aber hell genug für das Auge bei günstigen Überflügen. Heavens-Above listet sie ebenfalls unter dem Namen "CSS" (Chinese Space Station).

Das Hubble-Weltraumteleskop ist dagegen ein schwieriges Ziel: Wegen seiner Bahnneigung von nur 28,5° bleibt es von Mitteleuropa aus stets tief am Südhimmel. Aus dem Süden des deutschsprachigen Raums (bis etwa 51° geografischer Breite) taucht es bei günstigen Überflügen nur wenige Grad über dem Südhorizont auf und ist daher schwer zu erwischen; weiter nördlich geht es gar nicht mehr auf.

Die schönsten Beobachtungsabende kombinieren einen ISS-Überflug mit anschließender Beobachtung des Himmels. Wer danach noch nach Sternschnuppen Ausschau hält oder einen Planeten aufsucht, bekommt aus einer klaren Nacht deutlich mehr heraus. Was an Ausrüstung dafür sinnvoll ist, erklärt die Teleskop-Kaufberatung.

Häufige Fragen zur ISS-Beobachtung

Hier beantworte ich, was am häufigsten gefragt wird - direkt und ohne Umweg.

Wann kann ich die ISS heute sehen?

Die ISS ist nicht jede Nacht sichtbar - sie braucht die richtige Geometrie aus Sonnenlicht, Umlaufbahn und deinem Standort. Am einfachsten prüfst du das tagesaktuell über Heavens-Above.com oder die ISS Detector App: Standort eingeben, Überflüge abrufen, Uhrzeit und Richtung notieren. In einer guten Beobachtungsphase gibt es mehrere sichtbare Überflüge pro Nacht. Den genauen Ablauf erkläre ich im Abschnitt ISS-Überflüge vorhersagen.

Wie schnell fliegt die ISS über den Himmel?

Die ISS bewegt sich mit etwa 28.000 km/h in ihrer Umlaufbahn. Am Himmel bedeutet das: Ein typischer Überflug dauert zwischen zwei und fünf Minuten, von Horizont zu Horizont. Flache Überflüge nahe am Horizont verlaufen dabei etwas langsamer als hohe Überflüge direkt über dem Kopf, weil die ISS beim Zenitdurchgang die größte scheinbare Winkelgeschwindigkeit erreicht. Mehr dazu im Abschnitt Was ist die ISS?

Kann ich die ISS mit bloßem Auge sehen?

Ja, und das ist das Schöne daran: Die ISS gehört zu den hellsten Objekten am Nachthimmel. Bei günstigen Überflügen erreicht sie eine Helligkeit von -3 bis -4 Magnituden - heller als der Planet Venus und heller als jeder Stern. Du musst dich nur kurz mit einer App oder Heavens-Above über den aktuellen Überflugsplan informieren. Mehr dazu im Abschnitt Wann und wo die ISS sichtbar ist.

Was ist der Unterschied zwischen ISS und Flugzeug am Himmel?

Der wichtigste Unterschied: Die ISS blinkt nicht. Flugzeuge haben blinkende Positionslichter in Rot und Grün - das siehst du auch aus großer Entfernung. Die ISS erscheint als gleichmäßig leuchtender, weißer oder leicht gelblicher Punkt, der ohne Blinken und ohne Richtungsänderung über den Himmel zieht. Ihre scheinbare Geschwindigkeit am Himmel ist dabei ähnlich wie die eines Flugzeugs auf normaler Reiseflughöhe. Mehr dazu im Abschnitt ISS erkennen am Himmel.

Kann ich die ISS mit dem Teleskop vergrößern?

Ja, aber es ist anspruchsvoll. Wegen der hohen Geschwindigkeit musst du die ISS manuell nachführen - ohne automatische Planetennachführung. Mit einer Vergrößerung von 50 bis 100-fach und etwas Übung siehst du die charakteristischen Solarmodule und die grobe Form der Station. Fotografisch gelingt das am besten mit einer langen Brennweite und einer schnellen Kamera per Lucky-Imaging-Methode mit vielen Einzelbildern. Alle Details erkläre ich im Abschnitt ISS mit dem Teleskop beobachten.

Starlink-Satelliten sind Kommunikationssatelliten des Unternehmens SpaceX. Kurz nach dem Start fliegen sie in einer Kette dicht hintereinander - das sieht aus wie eine bewegliche Perlenkette am Himmel und kann auf den ersten Blick überraschend wirken. Nach einigen Wochen verteilen sie sich auf ihre Arbeitsbahnen und sind dann als einzelne, schwächere Punkte sichtbar. Überflüge lassen sich ebenfalls über Heavens-Above vorhersagen. Mehr zu anderen Satelliten im Abschnitt Andere Satelliten beobachten.